Ästhetik und Barrierefreiheit sind vereinbar

Voll-3D-Modell eines Krokodils mit Audiofeedback

Inhalte begreifen und verstehen statt konsumieren und vergessen. Das ist für alle Museumsbesucher ein großer Gewinn – und für manche davon sogar alternativlos und notwendig. Alle Menschen brauchen Inklusion früher oder später. Blinde Menschen brauchen sie jetzt!

Ein Museum ästhetisch barrierefrei machen: Preiswert, attraktiv und sinnvoll für alle. Das geht! Taktile Grafik, diverse Orientierung und allgemein verständliche Sprache sowie Objekte zum Anfassen.  Ich zeige Ihnen gerne, wie.

Inhalte zu vermitteln wird besonders dann anspruchsvoll, wenn inklusive Vermittlungswege hinzukommen. Dieser Anspruch wird derzeit zur Regel in Museen. Aber viele Museumspädagogen haben meist noch nicht ausreichend Hintergrundwissen um ihren Anspruch an Qualität und Ästhetik mit Barrierefreiheit in Einklang zu bringen. Es fehlt der Pool an Ideen und Möglichkeiten, den man bisher hatte. Oft werden die Möglichkeiten und vor allem die Grenzen des Machbaren dabei völlig falsch eingeschätzt. Insbesondere Ästhetik und universelles Design leiden darunter.

Als Experte für barrierefreie Vermittlung und als klassischer Designer mit hohem Anspruch unterstütze ich Museen in der Planung und Konzeption von Ausstellungen oder einzelnen Stationen. Stichworte sind: inklusive Leitsysteme, Funktionsmodelle, Brailleschrift, Tastgrafiken, Tastobjekte, einfache Sprache, Gebärden, inklusives Begleitmaterial, Beschriftungen.

Referenzen: Humboldtforum Berlin, Technikmuseum Berlin, Neues Museum Berlin …

Senatsverwaltung wertet konventionelle Ausstellung mit Mehrwert für alle auf

Ein Buch mit einfachen Texten, Punktschrift und großartigen Grafiken, taktil umgesetzt

Unter dem Titel „natürlich Berlin!“ wurde eine Ausstellung eröffnet, die konventionell gedacht, aber inklusiv umgesetzt wurde.

Die Ausstellung zu erweitern um sie auch Kindern ab Klasse 5, Menschen mit schlechtem Sehvermögen, blinden Menschen, Menschen in Eile und Touristen zugänglich zu machen, wurde spät beschlossen – aber nicht zu spät.

Mehrwert-Exponat einfach und taktil
Ein Mehrwert-Exponat: Das inklusive Ausstellungsbuch, macht die Ausstellung um vieles reicher und verständlicher.
Taktil erfahrbare Grafik eines Spatzes
Taktil erfahrbare Grafik „Spatz“

Wir haben für alle Ausstellungsbesucher als Ergänzung ein inklusives Mehrwert-Modul entwickelt:

  • Alle Texte und Bilder der 30 Ausstellungstafeln sind nun auch digital auf dem Smartphone über QR-Codes abrufbar. Das bedeutet man kann sie (ob einfach lesefaul, sehschwach oder blind) dort per Screenreader vorlesen lassen oder auch  groß zoomen. Sogar für jedes Bild der Ausstellung bekommt man dort auch eine Audiodeskription, die die Bilder für Blinde beschreibt.
  • Alle diese ausführlichen Texte liegen zusätzlich vollständig auch in einem Textbuch in Braille-Punktschrift vor. Dieses ist in das Mehrwert-Modul integriert.
  • 32% ALLER BESUCHER, also knapp ein Drittel, bevorzugen laut einer Studie unter Museumsbesuchern einfache Sprache, ohne Fremdworte und mit kurzen Sätzen. Das sind Touristen, Kinder und Menschen mit Lernschwierigkeiten oder einfacher Bildung, oder auch einfach Besucher mit begrenzter Zeit. Für jedes der sechs Themen der Ausstellung haben wir dafür eigens neu geschriebene Übersichtstexte in einem inklusiven Ausstellungsbuch abgedruckt – natürlich inklusive Punktschrift. Die Texte sind in einer Sprache gehalten, die Laien, Kinder an Klasse 5 und Nicht-Muttersprachler besser verstehen.
  • Zu jedem Thema haben wir außerdem einen beispielhaften Aspekt in inklusive Grafiken umgesetzt. Unterhaltend und anschaulich. Die Grafiken sind aufwändig blindenpädagogisch korrekt aufbereitet und mit einer relativ neuen Drucktechnik erstellt, die sie taktil lesbar macht.

Das inklusive Buch dient so auch für Sehende als Ergänzungs-Exponat mit Mehrwert, das den Wissenstransfer der ganzen Ausstellung für alle bereichert.

Taktile Grafik einer Fledermaus
Die Knochen in den feinen Flügelhäuten der Fledermaus werden begreifbar.
Taktile Grafik einer Hausfassade als Lebensraum für Stadttiere
Eine Hausfassade als Lebensraum für Stadttiere
Einfache Sprache und Braille als Ergänzung in einem Buch
Einfache Sprache und Braille als Ergänzung in einem Buch
Entstehung des Urstromtals um Berlin
Entstehung des Urstromtals um Berlin durch Gletschermassen in der Eiszeit.
Ein Buch, das die kompletten Ausstellungstexte der 30 Tafeln in Braille-Punktschrift beinhaltet.
Ein Buch, das die kompletten Ausstellungstexte der 30 Tafeln in Braille-Punktschrift beinhaltet.

Die Ausstellung, insbesondere der inklusive Teil, kann an Institutionen, Bibliotheken und Schulen verliehen werden. Ansprechpartnerin ist Frau Müller vom Freilandlabor Britz.

Kopien von urheberrechtlich geschützten Werken

Zugang zu urheberrechtlich geschützten Werken       

Über die Frage, in welcher Form urheberrechtlich geschützte Werke (z. B. Bücher, Filme etc.) vervielfältigt und verbreitet werden, entscheidet der Urheber/die Urheberin bzw. der Rechteinhaber/die Rechteinhaberin. 

Es war deshalb nicht immer möglich, urheberrechtlich geschützte Texte z. B. auch in Blindenschrift zur Verfügung zu stellen. 

§ 45a UrhG ermöglicht Menschen mit Behinderungen deshalb seit dem 13. September 2003 den erlaubnisfreien Zugang zu urheberrechtlich geschützten Werken.

Können sie ein Werk sinnlich nicht wahrnehmen, so erlaubt es diese Vorschrift, das Werk in eine andere Wahrnehmungsform zu übertragen. 

Konkret bedeutet dies, dass beispielsweise Werke der Literatur für blinde Menschen auf Tonträger aufgenommen oder in Blindenschrift übertragen werden dürfen.  

Auch die Weitergabe an andere behinderte Menschen ist zulässig, wenn damit keine kommerziellen Interessen verfolgt werden. 

Zum Ausgleich für diese Nutzung steht dem Urheber eine Vergütung zu.    

Das Urheberrechtswahrnehmungsgesetz stellt dabei in § 13 Absatz 3 UrhG sicher, dass die Verwertungsgesellschaften bei ihrer Tarifgestaltung und bei der Einziehung der Vergütung auf die sozialen Belange des Zahlungspflichtigen Rücksicht nehmen. 

 

Gastbeitrag einer erblindeten Kunstkennerin

Tate London: Anfassen erlaubt
Anette Bach

Ist Kunst zu begreifen?

Eine Rodin-Ausstellung im Folkwang-Museum in Essen! Für mich ein Ereignis! Die Jahre meines Lebens, in denen ich sehen konnte, waren geprägt von Freude und Interesse an der Kunst. Ich habe das Zeichnen geliebt, aber auch Gemälde und die Bildhauerei. Auch wenn ich nicht mehr sehen kann, hat sich mein Interesse für, ich würde sogar sagen, mein Bedürfnis nach Kunst nicht geändert. Also fahre ich nach Essen. An Rodins Werke kann ich mich gut erinnern. Der berühmte „Denker“, „Die Bürger von Calais“ und erst „Der KUSS“. Was würde die Ausstellung bringen? Frust pur! Ich durfte nichts anfassen.

Ich mochte es gar nicht glauben. Was konnte ich an Steinskulpturen zerstören, wenn ich sie nur mit meinen Händen berührte? Auch durch ein aufgelegtes Seidentuch durfte ich nichts anfassen. Ich habe gebeten, geschimpft, argumentiert. Die saure Luft des Ruhrgebietes, die Fliegen, Spinnen und Staub würden sicher eine größere Bedrohung für die Unversehrtheit des Kunstwerks bedeuten. Nichts zu machen!

Ich finde, so geht das nicht! Auch ich weiß natürlich, dass es nicht vernünftig wäre, alle Museums- und Ausstellungsinhalte für jede tastende Hand freizugeben. Aber es ist viel mehr möglich, als zugestanden wird. Sicher, es ist mir oft gelungen, Führungen zu organisieren, bei denen dann am Ende doch die Vitrinen geöffnet oder die Begrenzungsgitter beiseitegeschoben wurden. Aber das war immer Glücksache und abhängig vom guten Willen und der Eigenmächtigkeit des jeweiligen Führers. Ich wünsche mir ein Umdenken. Alle Aussteller sollten verpflichtet sein, sehgeschädigten Menschen ihre Ausstellung zugänglich zu machen. Dafür gibt es Konzepte und weitere können entwickelt werden. Aussteller sollten schlagende Argumente haben müssen, für das, was nicht möglich ist. So etwas wird es immer geben, aber es darf nicht passieren, dass wir in die Rolle der Bittsteller, Überreder oder Krawallmacher gezwungen werden, die etwas angeblich Unmögliches fordem.

Wenn einmal eine gute Fee bei mir vorbeikäme, würde ich mir wünschen, dass vielleicht jedes Bundesland eine Einrichtung schafft, die vollgestopft ist mit Modellen. Es gibt so viele herrliche, spannende und unglaubliche Dinge, die Menschen geschaffen haben: Die Bauten der Inkas, den Taj Mahal, die Oper in Sydney oder die Elbphilharmonie. Selbst wenn ich überall hinfahren könnte und es mir erlaubt wäre, alles zu begehen, zu berühren, so würde sich doch das meiste nicht erschließen. Den David, den Michelangelo geschaffen hat, würde ich nicht mal erkennen, wenn ich auf dem fünf Meter hohen Marmorgebilde herumklettern dürfte.

Modelle herzustellen, ist in Zeiten von Scannern und 3D-Druckern wohl nur noch eine Frage des Wollens.

Bei mir klingelt es. Kommen Feen durch die Haustür?

Zur Autorin 
Anette Bach leitet im DVBS die Bezirksgruppe Hessen. 

Die 66-Jährige organisiert mit dem Leitungsteam regelmäßig Veranstaltungen zu aktuellen Themen und Ausflüge, deren Termine unter dvbs-online.de veröffentlicht werden und die auch interessierten Gästen offen stehen.

Der Beitrag wurde erstmals veröffentlicht in der Horus 2/2018 / Zugängliche Kultur – Marburger Beiträge zur Integration Blinder und Sehbehinderter. Die Veröffentlichung hier erfolgte mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Auszeichnung durch den Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier

Ich freue mich, daß heute meine Initiative #goinclusive auch von ganz oben, also vom Bundespräsidenten anerkannt wird und ausgezeichnet wurde.

Gutes Design, gute Architektur, gute Wissensvermittlung ist immer für ALLE Anwender verständlich und nutzbar. Dazu haben wir (schweizergestaltung, Werk5 und ich) uns zusammengeschlossen und beraten und unterstützen Unternehmen, Designer, Museen, Institutionen, Produkthersteller und die Politik dabei, diese Aspekte ohne ästhetische oder inhaltliche Abstriche umzusetzen.

Auszeichnung: ausgezeichnete orte