Warum ein Experte für Barrierefreiheit jedem Projekt nützt

Barrierefreiheit ist bekanntermaßen für öffentliche Gebäude und Gebäude mit Öffentlichkeit verpflichtend.
Fälschlicherweise wird oftmals davon ausgegangen, dass damit Rollstuhlgerechtigkeit gemeint ist, aber es geht natürlich weit darüber hinaus.
Etwa 30 % der deutschen Bevölkerung (und das ist konservativ gerechnet) liegen nicht im „Normbereich“ der DIN, sondern sind auf Barrierefreiheit verschiedenster Art angewiesen. Diese 30% sind ausgesprochen divers. Das zeigt, dass Aufmerksamkeit geboten ist, wenn man nicht riskieren will, dass sich entsprechend viele Menschen ausgeschlossen fühlen oder tatsächlich physisch ausgeschlossen sind.
Wir sprechen im Idealfall aber nicht davon, dass nachträglich Korrekturen oder Ergänzungen adaptiert werden, sondern dass ein Bewusstsein schon während des Gestaltungsprozesses entwickelt werden sollte, um gutes, ästhetisches und tadelloses „Design für Alle“ zu produzieren. Wir kennen Barrierefreiheit selbstverständlich im Alltag ohne sie wahrzunehmen: Die Sitz- und Lenkradposition eine Autos ist rein aus Barrierefreiheit veränderbar. Die Schreibmaschine, der Strohhalm, das Fahrrad, der Touchscreen, der Pizza-Cutter, Audiobooks und vieles mehr, beruhen allein auf Überlegungen, Menschen mit Handicaps bei einer Tätigkeit zu unterstützen. Bei barrierefreien Designs sind keinerlei Abstriche an der Ästhetik notwendig (das ist leider ein weitverbreitetes Vorurteil). Barrierefreiheit ist nicht hässlich sondern ein Konzept- und Gestaltungsmittel und Gestaltungsgrundlage.
Meine Aufgabe ist es, zwischen Bauherren, Architekten, Interior-, Produkt- und Grafikdesignern ein motivierender Ideengeber und Ansprechpartner zu sein, der die Diversität der Menschen da draußen im Blick hat und dadurch umfassende Lösungen ermöglicht. Idealerweise bin ich frühzeitig im Entwurfsprozess in den Meetings dabei – schon um die Idee und die Begeisterung für die Sache einzubringen. Ein Kick-Off Meeting zur Sensibilisierung vorab macht viel Sinn. In der Ausführung kommen immer wieder viele Nachfragen und ein Lernprozess setzt ein.
Faktoren für Barrierefreiheit liegen im Bereich kognitives Verständnis, Optik und Blindheit, Alter, Gehbehinderung, Körpergröße, Akustik und Hörbehinderung oder Taubheit, Bewegungsfähigkeit, Phobien, Orientierung und vieles mehr.
Natürlich bezieht sich das auch auf Räume zum Wohnen, Siedlungen, öffentliche Plätze und Parks, Museen und Ausstellungen, Schulen, Veranstaltungsräume, Malls, Krankenhäuser und vieles mehr.
Ich hoffe, die Idee und den Hintergrund etwas geklärt zu haben. Design und Architektur ohne diesen Hintergrund ist eigentlich nicht zu machen und in den aktuellen Ausschreibungen zunehmend auch nicht mehr erwünscht. Daher benötigt jedes Architektur- und Gestaltungsbüro Wissen und Empathie damit gute Lösungen entstehen.
Aktuelle Referenzen:
  • Senat von Berlin, öffentlicher Park und Naturparkausstellung;
  • Lichtenberg Museum, barrierefreies Haus und Dauerausstellung,
  • Deutsches Technikmuseum, barrierefreie Kunstvermittlung,
  • AOK Nordost, Barrierefreiheit und Orientierungssystem in Beratungszentren und Ärztehaus;
  • Präventionzentrum VBG BGW Hamburg barrierefreies Leit- und Orientierungssystem;

Wie sinnvoll sind Beschriftungen in Braille-Blindenschrift?

Coca Cola mit Punktschrift

Diese Frage hören wir häufig. Denn vor einiger Zeit wurde die Nachricht verbreitet, dass kaum jemand heute noch Braille braucht oder lernt, da es Audiobooks und Sprachausgabe an Computern und Smartphones gibt. Auch wird immer wieder angeführt, dass die meisten Blinden gar nicht des Braillelesens und -schreibens mächtig sind.

Was daran ist wahr und was falsch? Hier schauen wir auf Fakten.

Nur scheinbar ist die Altersstruktur bei blinden Menschen gleich wie bei sehenden. Das stimmt aber so nicht. Da die Sehkraft bei fast jedem Menschen im Laufe des Lebens nachlässt und bei manchen sogar sehr stark, werden ältere Menschen oft als stark sehbehindert oder als blind eingestuft. Manche erblinden aufgrund eines Unfalls, einer Makuladegeneration oder einer Entzündung der Augen. Es gibt vielfältige Ursachen für eine Sehbehinderung. Die meisten treten im Laufe des Lebens auf und nicht bereits bei Geburt. Somit ist die Alterspyramide bei blinden Menschen auf den Kopf gestellt.

Was hat das mit der Literarisierung zu tun?

Während jedes blinde Kind zur Schule geht und dort Lesen und Schreiben mit Braille (Blindenschrift) lernt, trifft das für ältere Menschen natürlich nicht zu. Sie gehen nicht zur Schule, sondern machen im besten Falle Schulungen. Jeder kann Braille lernen, aber nicht jeder will.  Mancher hat im Alter nicht mehr die Kraft oder Motivation dazu. Das ist bedauerlich aber ein Fakt. Älteren Menschen fällt es nicht so leicht zu lernen und sie haben auch nicht die Sensibilität in den Fingern entwickelt um die Punkte zu auseinanderzuhalten. Sie müssen die Sensibilität erst erwerben. Das ist mit zunehmendem Alter schwieriger. Damit fallen die meisten Menschen, die über 50 Jahre alt sind und dann erst erblinden, aus dem Raster. Sie werden im Alter also zu Analphabeten. Hier helfen fühlbar erhabene große Schriften um Stichworte herauszuheben. Das nennt sich Profilschrift oder Pyramidenschrift. Sie zu lesen dauert allerdings extrem lang und ist keine Alternative zu Braille. Dennoch ist sie die einzige Form der lesbaren Schrift für diese Gruppe.

In den USA wurde ein Experiment mit fatalen Folgen durchgeführt, als man in den 90er Jahren glaubte, es genüge die Audioausgabe auf dem Computer. Braille wurde jahrelang nicht mehr unterrichtet. Eine ganze Generation blinder US-Amerikaner wurde damit um ihre Zukunft gebracht. Keiner dieser Menschen findet als Analphabet eine Arbeitsstelle auf dem regulären Arbeitsmarkt. Heute wird blinden Schülern wieder Lesen und schreiben an allen Schulen beigebracht. Die Kinder haben darauf einen Anspruch wie jedes sehende Kind auch.

Wer kann Braille? Wieviele sind das?

Alle von Geburt oder in den ersten 16 Lebensjahren erblindeten lernen natürlich Braille Lesen und Schreiben in der Schule. Danach ist das Punktschriftlernen zwar optional, aber fast alle, die unter 50 Jahren erblinden, lernen Braille-Punktschrift! Zusammen sind das etwa ein Drittel, also sehr grob geschätzt etwa 50.000 Menschen in Deutschland.

Lohnt sich Punktschrift dann also?

Definitiv und ohne Vorbehalt, Ja! Denn eine Welt ohne schriftliche Information, ohne Lesen und Schreiben führt zwangsläufig zu Analphabetismus und damit zu absoluter Chancenlosigkeit am Arbeitsmarkt und in der Weiterbildung und erschwert die Teilhabe am sozialen Leben ganz wesentlich. Punktschrift nicht anzubieten ist für die Gruppe der Blinden oft Informationslosigkeit und Abhängigkeit von zufällig anwesenden Sehenden. Beides ist menschenrechtlich und individuell untragbar.

Die Frage nach der absoluten Zahl an Nutzniessern wird oft gestellt, um in der Folge zu fragen, ob sich das finanziell rechtfertigen lässt. Mit dem gleichen Argument müsste man Aufzüge, Rolltreppen, Radwege, Straßen und Internet in entlegenere Gebiete und vieles mehr infrage stellen. Wobei manchen hiervon nicht alternativlos wäre – Punktschrift dagegen schon.

„Aber ich habe hier noch nie einen blinden Besucher gehabt“ ist natürlich die Folge des mangelnden oder mangelhaften Angebotes. Wozu sollte ein blinder Mensch in ein Museum gehen, wo es für ihn nichts gibt, ausser einem Übersichtsplan und einem Audioguide?

Wie tut man das Richtige?

Voraussetzung für die Chance auf Teilhabe ist, dass auch tatsächlich Informationen in Braille-Punktschrift angeboten sind. Überall und so viel wie möglich. Im Vergleich zur visuellen Kommunikation bleibt es ja dennoch ein Bruchteil.

Dieses Zeichen müssen wir setzen. Dieses Zeichen ist ein unverhandelbares Muss, wenn man von einer inklusiven Gesellschaft spricht. Eine Gesellschaft, in der wir auch leben wollen, wenn wir alt sind oder vorübergehende Beeinträchtigungen, dauerhafte Behinderungen selbst oder bei Angehörigen haben. Wir alle wollen weiter unseren Beitrag im Arbeitsleben und Familienleben leisten können und nicht ausgeschlossen sein.

Verstanden. Und wo sollte Braille eingesetzt werden?

Überall da, wo es die Unterscheidung von Produkten erleichtert oder erst ermöglicht. Da, wo die Autonomie eines blinden Menschen ermöglicht wird, indem er Informationen erhält oder Geräte bedienen kann, ohne gezwungen zu sein jemanden zu fragen (es steht ihm natürlich trotzdem frei). Da, wo die Bildung und Wissensvermittlung erst möglich wird. Da, wo Orientierung erleichtert wird.

Beratungsauftrag für den Neunbau des Präventionszentrums von VBG BGW in Hamburg

Architektursimulation

Die beiden Berufsgenossenschaften VBG und BGW beauftragen Steffen Zimmermann als Berater für Barrierefreiheit für die Planung und Ausgestaltung des neuen Fachzentrums in der Hafencity

Das neue Zentrum soll Leuchtturmprojekt für Barrierefreiheit und zukünftige und richtungsweisende Präventionsarbeit sein.

Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) und die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) sind die Bauherren und Betreiber  in der Hamburger HafenCity. Ab 2022 möchten sie dort unter anderem neue Qualifizierungs-, Veranstaltungs- und Beratungsangebote starten und das gesunde und sichere Arbeiten in Themenwelten erlebbar machen. Bei den beiden Berufsgenossenschaften handelt es sich um zwei der größten in Deutschland.

Inklusion ist schon im Konzeptansatz Priorität

Das Gebäude soll in höchstem Maße barrierefrei sein und beispielhaft zeigen, wie sich Bildungseinrichtungen inklusionsgerecht gestalten lassen. Neben Musterarbeitsplätzen werden im geplanten Präventionszentrum Themenwelten und Ausstellungen die Prävention von Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren erlebbar machen. Das Angebot gilt in Teilen auch für die allgemeine Öffentlichkeit. Vorgesehen ist darüber hinaus die individuelle Beratung und das Training von Versicherten mit berufsbedingten Gesundheitsproblemen.

Insbesondere im Orientierungs- und Leitsystem sowie in den Informationsangeboten, ob digital, passiv oder aktiv fliesst meine Expertise ein. Das gilt auch für die Überarbeitung der Hausschrift für eine taktile Variante, die im Leitsystem als Profilschrift eingesetzt wird. Außerdem werden alle Elemente des Systems auch mit Braille (Punktschrift für blinde BesucherInnen) und kontrastreicher Großschrift gestaltet. Die Orientierung im Gebäude und das Leiten durch das Gebäude wird mit einem Bodenleitsystem unterstützt. Alles ist rollstuhlgerecht und bequem erreichbar und das für Menschen jeden Alters.

Untersuchungen zeigen, dass inklusives Design die Kundenreichweite um das Vierfache steigern kann

Studien, die vom Centre for Inclusive Design in Zusammenarbeit mit Adobe und Microsoft durchgeführt wurden, haben ergeben, dass Produkte und Dienstleistungen, die auf die gesamte Breite der Bedürfnisse von Menschen zugeschnitten sind, das Vierfache der Zahl der Nutzer erreichen können.

Inklusionsdenken früh in die Konzeptphase einbeziehen, verhindert Zusatzkosten

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AOK Nordost baut auf Inklusion - Beratungsauftrag

Wer, wenn nicht die AOK? Alle zukünftigen Bauten und Umbauten von AOK-Beratungszentren werden erheblich barrierefreier als alle bisher. Als Berater begleite ich diese Wandlung. An jedem Ort werden zukünftig alle Aspekte von Barrierefreiheit bedacht, sachverständig diskutiert und wenn irgend möglich umgesetzt. Wir sprechen über den ganzen Kanon der Möglichkeiten barrierefreien Bauens, Gestaltens aber auch des Services. Was heute geplant wird ist in wenigen Jahren schon in über 100 Beratungszentren umgesetzt.

Ein bundesweit einzigartiges Projekt wird das „Centrum für Gesundheit“ in der Berliner Müllerstraße. Dieses Ärzte- und Beratungshaus wird – getragen vom Vorstand – als Leuchturmprojekt für Inklusion und Barrierefreiheit ausgeführt. 

Hier zahlt sich aus, als Berater so früh wie möglich in die Projekte eingebunden zu werden. Die frühe Planungsphase der Architekten und Innenarchitekten und der Grafiker ist der beste Einstiegszeitpunkt. Hier kann noch ohne Mehrkosten das Denken in die richtige Richtung gelenkt werden und Entscheidungen vor der Umsetzung korrigiert werden.

Humboldt-Forum beauftragt inklusive Exponate für die Dauerausstellung "Berlin und die Welt"

Wandabwicklung Humboldt Welcome Foyer

Gemeinsam mit dem Stadtmuseum entwickelt die Kulturprojekte Berlin GmbH eine Ausstellung über Berlin und die Welt im Humboldt Forum.

Auf einer Fläche von 4.000 qm verknüpft die Berlin-Ausstellung anhand verschiedener Themenaspekte die internationalen Verflechtungen der Stadt und befragt ihre Vergangenheit und Gegenwart. Im ersten Obergeschoss des wiederaufgebauten Stadtschlosses fügt sich die Berlin-Ausstellung räumlich wie inhaltlich als Bindeglied im Humboldt Forum ein. Sie soll zeigen, wie die Welt Berlin beeinflusst, aber auch, wie Berlin auf die Welt wirkt.

Einzelne Ausstellungsflächen werden Künstler*innen, Vereinen und Initiativen für themenspezifische Präsentationen zur Verfügung gestellt.
Zum Anschauen, Anfassen und Zuhören entwickelt, wird die Ausstellung auch integrative und partizipative Elemente einschließen, die Besucher*innen teilhaben lassen.

Für die Entwicklung dieser Stationen, die als inklusive Ereignisse für alle geplant sind, wurde ich beauftragt. Die Vermittlung mit allen Sinnen für ein großes Publikum soll in dieser Ausstellung eine besondere Rolle spielen.

Instant Audioguide. Information am Objekt selbst schafft Orientierung und Information für Alle

TellDing ist ein "instant Audioguide" und Orientierungssystem in einem.

TellDing® ist ein System, das Besuchern eines Gebäudes oder einer Ausstellung individuell angepasste Informationen zum Objekt per Audio ausgibt. Dabei kann diese Audioinformation insbesondere auch zur Orientierung zum Objekt hin genutzt werden. Ein Aufzug oder eine Treppe wird also von einer beliebig voreinstellbaren Entfernung aus sprechen „Treppe zu den Etagen 2 bis 8“. Daraufhin kann ein blinder Besucher sich orientieren und zielgenau bewegen. (mehr …)

Auszeichnung durch den Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier

Ich freue mich, daß heute meine Initiative #goinclusive auch von ganz oben, also vom Bundespräsidenten anerkannt wird und ausgezeichnet wurde.

Gutes Design, gute Architektur, gute Wissensvermittlung ist immer für ALLE Anwender verständlich und nutzbar. Dazu haben wir (schweizergestaltung, Werk5 und ich) uns zusammengeschlossen und beraten und unterstützen Unternehmen, Designer, Museen, Institutionen, Produkthersteller und die Politik dabei, diese Aspekte ohne ästhetische oder inhaltliche Abstriche umzusetzen.

Auszeichnung: ausgezeichnete orte

Was sind rote Zugänge? Lernen Sie mit und helfen Sie mit.

Screen-Shot Wheelmap

Design for All, das bedeutet schlicht Nutzbarkeit von Design, Produkten und Architektur. Man denkt, das sei Standard, aber weit gefehlt! Nicht jeder Kreative und Architekt denkt an alle Nutzer. So kann man auf der Wheelmap sehen, welche Orte nicht für → alte Menschen, → Kinderwagen, → Lieferanten und → Rollstuhlfahrende geeignet sind. Zum Glück sieht man auch die, die erreichbar sind. Das ist der Sinn der Wheelmap. Darunter sind auch so existenzielle Orte wie → Schulen, → Supermärkte, → Ärzte und → Behörden.